Nur noch Cinnamon und Jasmin im Espresso?

23.01.2021 10:35

Wenn man in der Kaffeewelt im Netz oder in Fachzeitschriften unterwegs ist, liest man in heutiger Zeit immer wieder Begriffe wie „Cinnamon Roast“, „fruchtige Noten“, „Specialty Coffee“, „florale Noten“ usw.

Die sogenannte Third Wave of Coffee, auf Deutsch „die dritte Kaffeewelle“, hat seine Ursprünge in Kalifornien und spielt heute in der Kaffeewelt eine wichtige Rolle. Die schonende Produktion (für Umwelt und Mitarbeiter) höchstqualitativer Rohkaffees ist nur einer der Aspekte, der die dritte Kaffeewelle repräsentiert. Vieles spricht dafür, dass die Kaffeewelt in diese Richtung geht. Und das ist für viele Aspekte auch gut so!

Erwähnt man in Italien allerdings einen dieser Begriffe, wird man höchstwahrscheinlich verwirrte gar entsetzte Blicke auf sich ziehen. Kleiner Scherz am Rande!

Doch damit möchte ich sagen:

Nicht alles, was „Third Wave“ oder „Specialty Coffee“ ist, ist gut;

Und vor allem nicht alles, was „traditionell“ (sprich: Italienisch) ist, ist schlecht.

Unterhält man sich mit einem Befürworter der neuen Kaffeewelt, gewinnt man nämlich genau sofort diesen Eindruck.

Man will unbedingt alle überzeugen, dass alles „Neue“ richtig und das „Alte“, „traditionelle“ (nochmal: Italienisch) überholt ist und wir es lieber lassen sollten. Der traditionelle, italienische Espresso ist „falsch“ und der „neue“ ist richtig und man sollte nur noch diesen trinken.

Diese Einstellung finde ich nicht gut. Das ist auch schade, denn die Grundsätze der dritten Kaffeewelle sind allesamt sehr positiv. Man bringt sich für die Kaffeebauer und die Umwelt ein, versucht aus einem hochwertigen Rohkaffee das bestmögliche Endprodukt – Kaffee oder Espresso – zu gewinnen und dem Endverbraucher diese Werte auch zu vermitteln.

Doch diese skeptische Einstellung, vor allem gegenüber der traditionellen italienischen Espresso-Kultur soll uns – Liebhaber des süditalienischen Espresso – nicht dazu bringen, die Innovation der SCA direkt abzulehnen. Denn das wäre genau derselbe Fehler.

Was wir aber auch nicht machen sollten, ist, hunderte von Jahren von Kaffee- Geschichte und Kultur zu vergessen.

Nein, wir lassen uns das nicht nehmen.

Denn caffè ist wahre italienische Kultur und viel mehr als nur ein Getränk.

Caffè ist für alle und nicht für eine „Kaffee-Elite“.

Caffè ist ein Freund aus alter Zeit am Tisch in der bar treffen und ihn auf einen caffè einladen und dabei schöne, alte Erinnerungen zu wecken.

Caffè ist an der Uni mit den Kommilitonen gemeinsam Pause machen.

Caffè ist die perfekte Ausrede, sich endlich zu trauen, dem Traummann oder der Traumfrau endlich auf ein Date einzuladen.

Denn am Ende hat die italienische Kaffeekultur wenig mit Gesprächen über Frucht- oder florale Noten, mit dem braunen Gebräu, dem zweithäufigsten konsumierten Getränk weltweit, zu tun. Und die ist nicht nachzumachen und nicht zu ersetzen – auch nicht mit dem besten, teuersten, hochwertigsten Kaffee der Welt.

Halt! Ich möchte auch nicht sagen, dass die Italiener alles richtig machen. Auch hier sollte man sich Gedanken über einige Aspekte wie der zu niedrige Preis, an dem der Konsument seit Jahrzenten gewohnt ist.

Wer hat also Recht? Die Italiener oder die SCA-Befürworter? Beide und keiner!

Was aus meiner Sicht unter anderem passieren sollte:

  • • Der Kaffee-Preis sollte in Italien überdacht werden. Man zahlt dort für einen caffè zwischen 0,80€ und 1,20€. Solange diese Preise in den italienischen bars herrschen, können die Rohkaffee-Produzenten nicht fairer bezahlt werden;

  • • Die italienischen bars sollten sich bei der Ausbildung der Baristi mehr einbringen, um den Endkunden ihre Kenntnisse über Kaffee zu vermitteln und einen bewussten Konsum des Produkts zu ermöglichen;

  • • Die Befürworter des Specialty Coffee sollten nicht den traditionellen italienischen Kaffee komplett als schlecht abstempeln, sondern ein Kompromiss zwischen Innovation und Tradition suchen. Aktuell gibt es in der Kaffeewelt nur Schwarz oder Weiß;

  • • Die Welt des Specialty Coffee sollte offener werden. Nicht nur Experten sollten dieses Produkt genießen, sondern alle. Geschmäcker sind verschieden und nicht alle stehen auf Jasmin-Noten oder Johannisbeerengeschmack im Espresso. Es gibt hier kein richtig oder falsch.

Übrigens gibt es in Neapel sowie in ganz Italien bereits Cafés, in denen man „Specialty Coffee“ oder sogar Filterkaffee genießen kann. Das wäre vor noch wenigen Jahren undenkbar gewesen. Das bedeutet, dass sich in Italien etwas in diese Richtung bewegt.


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